Eine Liebe in Paris

 

Nach dem Abitur arbeitet die abenteuerlustige Gerda Müller ein Jahr als Au-pair-Mädchen in Paris, um einmal etwas anderes kennen zu lernen, als ihre Kleinstadt in Deutschland. Dort verliebt sie sich in einen Franzosen und beschließt, nach ihrer Ausbildung zu ihm nach Paris zu ziehen. Sie erlebt eine neue Welt, und macht in ihrer neuen Heimat gute und schlechte Erfahrungen. Problematisch wird es, als ihre Beziehung zerbricht und sie wieder in ihr Heimatland zurückkehren möchte. Der Roman spielt Ende des zwanzigsten Jahrhunderts mit allen Veränderungen, die durch das Zusammenwachsen Europas und die rasante Entwicklung dieser Jahre entstanden sind.

 

 

Kleinstadtluft

 

Am 25.5.1963 wurde ich in der Stadt U. gestorben.

Oje, was hatte ich denn da geschrieben! Allerdings war es so ungefähr das Gefühl, das ich hatte, denn wir sollten Lebensläufe schreiben, um uns bewerben zu können. Und wer würde mich, ein uneheliches Kind aus armen Verhältnissen, einstellen? Ich durfte ja noch nicht einmal den Beruf von Vater und Mutter angeben, durch die unterschiedlichen Nachnamen hätte man gleich gesehen, dass sie nicht verheiratet sind.

Ach, keine Lust zu der blöden Hausaufgabe! Was hatte man mir da schon in die Wiege gelegt? Im Märchen gab es immer gute und schlechte Feen oder Zauberer, die eingeladen wurden, um dem Kind etwas mitzugeben, aber ich hatte so das Gefühl, dass bei mir die guten nicht so sehr zum Zuge gekommen waren.

Vor allem, da ich keinen Grund sah, etwas Schlechteres zu sein, nur weil meine Eltern nicht verheiratet waren. Obwohl man dann in gewissen Kreisen nicht mehr mitgenommen wurde. Gerade in den streng kirchlichen Kreisen, in denen ja schon Geschiedene nicht mehr vollwertige Menschen sind. Bei der katholischen Kirche sogar Menschen zweiter Klasse. Und somit hatte ich schon den ersten mächtigen bösen Zauberer.

Denn wer die Gesetze Gottes anzweifelt, ist gleich schon ein kleines Teufelchen, und dieses Schicksal schon in frühester Jugend zu tragen, ist nicht einfach.

Zu der Zeit wusste ich allerdings noch nicht, dass in der Bibel nichts gegen uneheliche Kinder steht.

Dann hatte ich in meiner Jugend die verrückte Idee, dass Kinderkriegen etwas Schönes sei. Und das, obwohl der Papa Freud gesagt hatte, ich müsste doch eigentlich neidisch auf das Mannsein sein. Also, Schwupps, der zweite böse Zauberer, die damalige Wissenschaft der Psychologie. Denn auf Grund meiner Erkenntnisse hielt ich mich für gleichberechtigt! Und verstand daher die Probleme von meinen Freundinnen nicht, die sich alles von den Jungs gefallen ließen. Da war wohl in einer katholischen Gegend meine evangelische Mutter durchgeschlagen, denn die Protestanten haben ja auch weibliche Pfarrer.

                  

Allerdings hatte ich auch gute Feen oder Zauberer. So z. B. die Sozialisten, die es mir erlaubt haben, zu studieren, obwohl ich aus armen Verhältnissen stamme. Oder die Amerikaner, die bei uns die Demokratie eingeführt haben, mit einem Grundgesetz, in dem festgelegt ist, dass uneheliche Kinder gleich behandelt werden müssen.

 

„Gerda, du bist ja immer noch nicht mit den  Hausaufgaben fertig. Kind, Kind, was soll noch einmal aus dir werden?“

Kluge Frage, das war ja gerade mein Problem!! Und wie sollte ich dies meiner Mutter verklickern, die eh schon genug Probleme und sich ihr Schicksal auch nicht ausgesucht hatte.

Aber darauf hat mich dann ein Bekannter gestoßen. Als ich ihm sagte, dass mein Vater ein katholischer Bayer ist und meine Mutter eine evangelische Preußin, hat er mich ganz verblüfft gefragt, wer denn das erlaubt hätte. Keiner natürlich! Da war der böse Zauberer Psychologie mit einem Politiker am Werke gewesen, der erklärte, dass, wenn man die Flüchtlinge bei den Einwohnern einquartiere, sie sich schon integrieren würden. Pustekuchen, möchte ich ihm sagen, keiner will die Resultate, und eine neue Generation von Außenseitern wächst heran.

Dabei war ich kein so genanntes „Besenkammer“- uneheliches Kind, denn mein Vater war nicht verheiratet, er durfte von seiner Familie aus meine Mutter nicht heiraten. Und daher lebten die beiden in einer unehelichen Beziehung und bekamen viele Kinder. Was zu dieser Zeit noch nicht so üblich war.

 

Na ja, dann schreib ich halt nur das hin, was ich gemacht habe, guckt eh keiner nach, und wenn doch, dann wird es meiner Dummheit zugeschrieben, dass ich die Hälfte vergessen habe.

 

Für so dumm wurde ich dann glücklicherweise doch nicht gehalten, denn ich durfte weiter auf die Schule gehen und das Abitur machen. Inzwischen war ich erwachsener und praxisnäher geworden und hatte festgestellt, dass ich woanders als in der Stadt U. ganz normal behandelt wurde, weil mich keiner kannte. Und schließlich war ich fleißig, intelligent und ganz gut gewachsen, und das zählte dann doch mehr als die Herkunft.

Denn in meiner Kleinstadt wurde mit mir nicht geflirtet, weil man mit „der Müller“ vorsichtig sein musste. Sie war zwar gut als Freundin, aber nicht gut genug zum Heiraten. Und heiraten wollte ich, weil ich meinen Kindern das Außenseitertum ersparen wollte.

 

 

 

Erste Auslandserfahrungen

 

Allerdings wollte ich zuerst einmal ganz weit weg, ins Ausland.

Zur Wahl standen England und Frankreich, aber für England brauchte man eine Empfehlung. Also hätte ich meine Kleinstadt schon wieder auf dem Buckel gehabt. Nee, danke! Frankreich nahm einen mit Lebenslauf, übersetztem Zeugnis und ohne Empfehlung. Das klang viel besser!

 

Außerdem hatte ich während der Ferien außerhalb von der Stadt U. einen netten Franzosen kennen gelernt, der in Paris lebte und mir versprach, mir am Anfang zu helfen. Und Paris, das ist doch was, da wollte ich natürlich hin.

 

Nicht nur ich, auch der junge Mann auf dem Arbeitsamt blickte mich ganz neidisch an und meinte, das wäre doch ein Abenteuer. Denn er würde auch gerne reisen, hätte aber die sichere Stelle, und da wäre ihm das Risiko zu groß.

Ich verließ mich da mal wieder ganz auf die Politik, denn es hieß ja, alle wollen Europa, die Franzosen würden mich mit offenen Armen aufnehmen und in Deutschland hätte ich mit Auslandserfahrung auch bessere Chancen auf dem Arbeitsmarkt. Heute gehört ein längerer Auslandsaufenthalt zu einem Kriterium, das für Langzeitarbeitslosigkeit verantwortlich sein kann. Hallo, Herr Politiker von damals, wo sind Sie? Wahrscheinlich abgewählt!

 

Natürlich gab es in meiner Verwandtschaft auch kritische Stimmen: Ich solle doch lieber im Lande bleiben. Aber wer hört in seiner Jugend schon auf die Alten? Der mit der sicheren Stelle wahrscheinlich, der jetzt in der Chefetage sitzt und jeden Lebenslauf mit Auslandsaufenthalt ablehnt, weil er in seiner Jugend auch nicht im Ausland war.

 

„Nous arrivons à la gare de l’Est. N’oubliez pas vos bagages!“ – „Wir kommen im Ostbahnhof an. Vergessen Sie ihr Gepäck nicht!“ So, da war ich also in Paris! Beladen mit einem Rucksack und allen guten Wünschen von meiner Familie. Gezwungenermaßen, denn ich hatte mich von meiner Entscheidung nicht abbringen lassen. Die Sommerferien hatte ich damit verbracht, das nötige Geld für Fahrt und Unterkunft zu verdienen, meine Mutter, die in ihrer Jugend auch ein Jahr als Au pair gearbeitet hatte, hatte mir als einzige noch ein kleines Taschengeld in die Hand gedrückt, und ab ging es nach Paris.

 

André, mein französischer Freund, hatte unbedingt darauf bestanden, mich am Bahnhof abzuholen. Fand ich zwar übertrieben, aber es war eine große Hilfe. Vor allem, da die Großstadt nicht ungefährlich für so kleine Landeier wie mich ist.

„Wie war die Fahrt? Alles gut überstanden?“

„Ja, war angenehm, ich habe während der Zugfahrt noch mit einem Studenten diskutiert, der in seinem Urlaub eine Europatour macht. Mit dem Interrail-Ticket.“

„Was ist denn das?“

„Da kann man für einen festen Preis für das Ticket in ganz Europa kostenlos Zug fahren.“

„Das ist ja klasse! Wo ist dein Mädchenwohnheim?“

Ich gab ihm die Adresse von einer katholischen Herberge für junge Mädchen. Wir schlängelten uns durch die vielen Reisenden mit Koffern, die eilig zum Ausgang strebten, umrundeten glückliche Liebespaare, die sich zwischen ihrem Gepäck auf dem Bahnsteig umarmten, verließen den Bahnhof und kamen endlich zu seinem Auto, das eingezwängt zwischen anderen Wagen stand.

Draußen tobte der Verkehr mit dem Lärm einer Millionenstadt. Vor uns eine mehrspurige Straße, auf der in ununterbrochener Reihe Autos fuhren, Hupen tönten und Bremsen quietschten. André packte meinen Rucksack ins Auto und fuhr los. Wir lavierten durch ein Automeer in einem Häusermeer von mindesten 5-stöckigen Gebäuden, wenn nicht höher. Da Paris während des Krieges nicht zerstört worden war, standen noch die Häuser aus der Vorkriegszeit mit ihren hohen Fenstern, verzierten Fassaden und den Balkonen mit verschnörkelten schwarzen Metallgittern.

 

Dann bogen wir in eine breite Allee ein. Am Ende war der Triumphbogen zu sehen, den ich schon aus meinem Französischbuch kannte.

„So, jetzt halt dich fest!“, meinte André.

„Warum?“, fragte ich. Aber da sah ich es schon: Wir umkreisten den Triumphbogen, d.h., wir befanden uns auf einer breiten Straße, die den Bogen umrundete, von der ich schätzte, dass sie mindestens 5 Spuren hatte. Schätzte, denn überall drängten sich Autos, so dass man nichts erkennen konnte.

„Gibt es hier keine Verkehrsregeln und weiße Linien, die die Spuren abgrenzen?“

„Nee, was ist das?“

„Ja, aber wie kommt man hier wieder raus?“

„Die auf der inneren Spur haben Vorfahrt, wenn sie auf eine äußere Spur wechseln wollen. Aber es muss sich auch jemand daran halten.“

„Ja, wie kommt man denn sonst wieder raus?“

„Augen zu und durch – die werden im letzten Moment schon bremsen.“

 

Wider Erwarten bogen wir dann doch ab auf eine breite Allee und nach einiger Zeit hielten wir gerade vor so einem würdevollen, sechsstöckigen Haus aus der Vorkriegszeit mit einem riesigen Eingangstor. André verabschiedete sich von mir, ich packte meinen Rucksack und stieg mit klopfendem Herzen die würdevollen Stufen zu dem vornehmen Tor empor. Seitlich war an der Mauer ein Messingschild mit einem Klingelknopf. Ich drückte drauf, ein kurzes Summen ertönte, ein trockenes Knacken und das Tor sprang auf.

 

Innen befand sich eine weiß gestrichene Eingangshalle, auf der rechten Seite sah ich ein kleines Fenster, hinter dem eine Dame in schwarzer Nonnenkleidung saß. Da es ein deutsches Mädchenwohnheim war und ich mich vorher angemeldet hatte, sprach ich die Nonne gleich auf Deutsch an.

„Guten Abend, mein Name ist Gerda Müller. Ich bin hier, um eine Stelle als Au pair zu suchen."

„Guten Abend. Freut mich, Sie kennen zu lernen. Wie Sie ja wissen, vermitteln wir Familien, die ein Au-pair-Mädchen suchen, und solange Sie noch nichts gefunden haben, können Sie hier gegen Bezahlung übernachten. Daher zeige ich Ihnen wohl zuerst mal Ihr Zimmer. Es ist ein Dreibettzimmer, das Sie mit zwei anderen Mädels teilen.“

Damit kam sie aus ihrem Büro heraus und stieg vor mir die Treppen ins Innere des Hauses hinauf. Wir stiegen und stiegen und stiegen. Als ich schon dachte, wir würden niemals ankommen, waren wir im 5. Stockwerk gelandet und traten in einen hellen Raum mit einem großen Fenster ein, der auf der Straßenseite des Gebäudes lag. Darinnen standen drei Betten, drei Nachtschränke und drei Schränke. Zwei Mädchen saßen an einem kleinen Tisch am Fenster, ein blondhaariges und ein dunkelhaariges.

„Ich möchte euch Gerda Müller vorstellen, sie ist jetzt eure neue Mitbewohnerin und sucht auch eine Au-pair-Stelle.“

Damit verließ sie den Raum und überließ mich meinem Schicksal.

„Hallo!“

„Hallo!“

„Welches Bett darf ich nehmen?“

„Das an der Wand ist noch frei.“

„Ich bin Gaby Wenders. Ich komme aus Bayern.“

„Oh, du auch? Da ist doch Paris was Feines!“

„Ich bin Swenja Berthens. Ich komme von überallher. Meine Eltern haben viel im Ausland gearbeitet. Allerdings wohnen wir jetzt in Niedersachsen.“

„Habt ihr schon Familien kennen gelernt?“

„Ja, ich habe schon zwei Vorstellungsgespräche gehabt. Eines in der Vorstadt von Paris, allerdings war mir das Kind noch zu jung. Ich habe keine Ahnung von Babys. Und eines in 5ten Arrondissement von Paris. Aber das waren 5 Kinder, das war mir zu viel.“

„Und du, Gaby?“

„Ich bin auch erst angekommen. Und zuerst gucke ich mir Paris an. Aber morgen habe ich ein Vorstellungsgespräch in Passy, und das interessiert mich. Das ist nämlich das vornehmste Viertel von Paris, da wohnen nur gut situierte Familien.“

Dann ließ ich mir die Sitten des Hauses erklären: Bad und Dusche waren auf dem Gang, um 22 Uhr wurde die Türe abgeschlossen und um 8 Uhr war gemeinsames Frühstück.

Inzwischen war es dunkel geworden. Ich räumte meine Sachen ein und ging dann erst mal aufs stille Örtchen. Ich öffnete die Tür und tastete in die Dunkelheit, um den Lichtschalter zu finden. Nichts! Also suchte ich vor der Tür, denn das Räumchen hatte kein Fenster und man konnte nichts erkennen. Aber er war auch dort nicht zu finden. Langsam wurde mein Bedürfnis dringend. Also blickte ich nochmals in alle Richtungen, dann sah ich mir mit der Flurbeleuchtung die räumlichen Gegebenheiten der Toilette an, und beschloss, mein Bedürfnis im Dunkeln zu verrichten. Ich ging in das Räumchen, schloss die Tür, schob den Riegel vor – und das Licht ging an.

Genialer erster Kulturschock! Ich musste an die jahrelange Mühe der deutschen Eltern denken, die ihren Kindern mit unendlicher Geduld erklären, dass man nach dem Verlassen des Stillen Örtchens das Licht ausmacht, denn der Stromverbrauch kostet ja Geld – und in Frankreich löst man das Problem ganz pragmatisch. Keine Erklärungen nötig, wenn der Riegel offen ist, geht das Licht aus.

Was ich an diesem ersten Tag noch ganz genial fand, sollte mir später doch einige Probleme bereiten. Oftmals schützt eine mühevolle Erklärung vorher davor, später irgendwelche Fehler zu machen.

 

Langsam fielen mir nach dem aufregenden Tag die Augen zu. Also verkroch ich mich ins Bett. Allerdings konnte ich nicht sofort einschlafen, denn plötzlich überkam mich ein unglaubliches Heimweh, so dass mir die Tränen in die Augen stiegen. Was ich gar nicht so verstehen konnte, denn eigentlich war doch alles gut gelaufen. Aber es war halt alles so undeutsch.