Jetzt scheiß ich!

 

 

Früh an einem lauen Sommermorgen, die Sonne schickte bereits ihre ersten Strahlen in mein Wohnzimmer, öffnete ich eines der Fenster und setzte mich an meinen Schreibtisch, um meine Post zu erledigen.

Während ich so meine Papiere wälzte, hörte ich draußen die Vögel zwitschern, unter anderem gurrte auch eine Taube. Plötzlich stutzte ich: Täuschte ich mich, oder hörte ich wirklich, wie diese Taube: „Jetzt scheiß ich!“ gurrte.

Ich hatte schon erfahren, dass es möglich ist, Vögeln das Sprechen beizubringen, aber ausgerechnet: „Jetzt scheiß ich!“ Da hätte man sich doch etwas anderes einfallen lassen können. Naja, vielleicht hatte ich mich ja geirrt und musste selbst auf die Toilette. Zumindest hätten mir das einige Psychologen erzählt.

 

Am Abend traf ich wieder meinen Rentner am Weinstand. Er sah nicht gut aus. Er wäre lange im Krankenhaus gewesen und da er so lange gelegen hätte, fiele ihm das Gehen noch sehr schwer. Allerdings freute ich mich, dass er es doch wieder an den Weinstand geschafft hatte, schließlich hatte ich ihn lange nicht gesehen.

 

Wie wir so am Erzählen waren, und dabei den vorbeifahrenden Autos zusahen, meinte er plötzlich: „Stell dir vor, gestern, als ich vom Bäcker heimgegangen bin, hat mir doch glatt eine Taube auf den Arm geschissen!“

„Oh! Das tut mir aber leid!“, antwortete ich, „Das ist aber nicht schön! Aber es soll ja Glück bringen!“

„Glück hin oder her, das ist eine Schweinerei!“, grummelte er.

„Und?“, fragte ich, „Hast du sehr geschimpft?“

„Und wie, die ganze Straße hat gewackelt!“

„Oje, dann ist das bestimmt die Taube, die ich heute Morgen gurren gehört habe!“

„Warum? Wie kommst du jetzt darauf?“

„Na, sie hat: ‚Jetzt scheiß ich!’ gegurrt. Wahrscheinlich hast du sie so traumatisiert, dass sie jetzt jeden warnt, wenn sie ihr Bedürfnis verrichtet.“

„Du hast aber Tauben drauf!“, gluckste er.

„Im wahrsten Sinne des Wortes“, grinste ich.

 

Nachdem ich jetzt Altenbetreuerin gelernt habe, Praktika in Altenheimen gemacht habe und danach ein halbes Jahr mit Geistern (oder Drogen, die man mir ins Essen tut?) gekämpft hatte und dabei meine ganze Vergangenheit Revue passieren ließ, verbunden mit der deutschen Geschichte, den Ärger über einen ehemaligen katholischen Pfarrer an die Tür der evangelischen Kirche gepappt hatte, erinnerte ich mich daran, dass ich einst einen Verehrer hatte, der plötzlich eine Freundin wählte, die mir ähnlich sah. Ich hatte ihn im Religionsunterricht kennen gelernt und später gehört, dass er Pfarrer geworden sein soll.

 

Als ich nach diesen Erfahrungen noch eine Taube gurren hörte: „Jetzt heiß ich Elke Entz!“, fühlte ich mich doch etwas beunruhigt. Inzwischen war ich vom Paulus wieder zum Saulus geworden.