Impressum

Copyright: 2016 © Elke Entz

Druck und Verlag: epubli GmbH Berlin

www.epubli.de

ISBN 978-3-7418-0793-0

 

 

 

Geschichten aus dem Rheingau

 

 

Inhaltsangabe

 

Die Rheingauer Suffbiene               3

Ein Landei in der Großstadt            7

Der Preis eines Brötchens              11

Ein Bäcker im Krankenhaus            18

Dummbabbler                                28

Oje, ich muss nach Rüdesheim       31

Eindrücke vom Rüdesheimer

Weihnachtsmarkt 2016                   35

Mini-Pu                                         48

Über Zeitgeist, Gitterstäbe und

Freiheit                                          51

Wahlen im Rheingau                      56

Zwei Welten die aufeinanderprallen 61

Snack – Hero gesucht                    65

Das Abitur – ein Grund zur Randale   70

Sind Lebensmittel weniger giftig

wenn man einen Freund hat            74

Theorie meets Praxis                      78

 

 

 

Geschichten aus dem Rheingau

 

 

Die Rheingauer Suffbiene

 

Zu den sympathischen Seiten des Rheingaus, der beschaulichen Weingegend am Ufer des Rheines, gehören die vielen kleinen Weinstände, die man überall an schönen Plätzen, meist unter großen, Schatten spendenden Bäumen findet. So ein Weinstand säumte auch den Weg, den ich abends, nach getaner Arbeit vom Bahnhof nach Hause zurücklegen musste.

An einem schönen lauen Sommerabend, erschöpft nach des Tages Mühe, beschloss ich, mich an diesen Stand zu setzen, um den langen Tag angenehm ausklingen zu lassen.

Ich holte mir am Stand einen guten Rheingauer Tropfen von einem der einheimischen Winzer und setzte mich an einen Tisch, an dem schon ein älterer Herr im Rentenalter saß. Wie im Rheingau so üblich, entwickelte sich sehr schnell ein lockeres Gespräch über das Wetter, die vorbeikommenden Passanten und Autos.

 

Plötzlich näherte sich eine große Biene dem Weinglas meines Tischnachbarn. Neugierig kreiste sie um sein Glas, setzte sich dann auf den Rand und kletterte vorsichtig zu dem köstlichen Nass. Das Glas war noch fast voll, so dass die Biene sehr schnell ihren Rüssel in den Wein tauchen konnte, um zu probieren, ob er ihr munde.

Anscheinend schien dies der Fall zu sein, denn nach einem kurzen Rückzug zum oberen Rand, krabbelte sie wieder nach unten, um einen erneuten Schluck zu nehmen.

 

Mein Nachbar reagierte sehr verärgert:

„Wie krieg ich denn diese dumme Biene da weg. Wenn sie so weiter macht, wird sie betrunken sein, und in den Wein fallen?“

Er kramte in seiner Hosentasche und zog seinen Schlüssel heraus.

Ich lachte amüsiert: „Ich hab gar nicht gewusst, dass Bienen auch Wein trinken. Das scheint wohl ein einheimisches Exemplar zu sein.“

„Tja“, meinte mein Nachbar, „die wissen auch, was gut ist. Trotzdem ärgert sie mich.“

Ich beobachtete die Biene, die gerade genug getrunken zu haben schien, und wieder hinauf zum Glasrand kletterte: „Lass das mal besser mit dem Schlüssel. Sie scheint gerade genug getrunken zu haben. Und wenn du sie jetzt scheuchst, wird sie aggressiv und dich stechen.“

„Da hast du recht, vor allem, da sie recht groß ist. Hab selten so eine große Biene gesehen.“

„Das ist vielleicht eine Bienenkönigin, die sich vor der Hochzeitsnacht noch etwas Mut antrinken will. Und da sie von der Drosselgasse gehört hat, ist sie hierher gekommen.“

„Wie kommst du denn jetzt da drauf?“

„Ich muss da an die Mädels denken, die ich öfters im Zug nach Rüdesheim sehe. Meistens sind sie in bereits feucht fröhlichen Gruppen unterwegs und verkaufen uns so nützliche Dinge wie Präservative, Schnäpschen und Mini – BH’s, um sich einen letzten Jungesellinnenabend in der Drosselgasse zu bezahlen.“

Mein Nachbar guckte verdutzt:, dann lachte er: „Du hast Ideen!“

 

Die Biene krabbelte am Glasrand entlang, spreizte die Flügel und flog einige Male um das Glas. Jedoch schien ihr das köstliche Nass sehr gut geschmeckt zu haben, da sie sich wieder auf dem Glasrand niederließ und vorsichtig nach unten kletterte, um noch einen Schluck zu nehmen.

 

„Ist die denn blöd?“, fragte ich überrascht, „Die besäuft sich ja richtig.“

„Ja, Bienen mögen Alkohol, deshalb fängt man sie ja auch oft damit.“

„Na, das wird dann Rheingauer Bienenhonig mit Promille geben. Bin ja mal gespannt, wie lange sie noch fliegt.“

„Ich jag die jetzt weg!“

, lass mal, das interessiert mich jetzt.“

 

Inzwischen war die Biene wieder auf den Rand geklettert, zog eine Runde auf dem Glasrand, zögerte, und krabbelte wieder nach unten, um einen weiteren Schluck zu nehmen. Dieser war dann der Schluck, der den Ausschlag gab: Sie rutschte ab, und fiel in den Wein. Verzweifelt zappelte sie mit ihren Beinen, um wieder heraus zu kommen. Nun war der große Moment von meinem Tischnachbarn gekommen: Er hielt jetzt seinen Schlüssel ins Glas. Die Biene ergriff sofort den rettenden Anker, krabbelte ins Trockene, schüttelte die Flügel und schoss, ohne noch einmal einen Blick zurück zu werfen, in den blauen Abendhimmel.

 

Wir lachten und mein Nachbar meinte: „Jetzt kann ich endlich wieder meinen Wein alleine trinken.“

„Na, denn Prost!“, antwortete ich, „Und du bist zumindest nicht gestochen worden.“

 

 

 

Ein Landei in der Großstadt

 

Das Weiterbildungsseminar, für das ich in die Großstadt gekommen war, war zu Ende. Wie immer, hatten wir viel heiße Luft produziert und neue Erkenntnisse gewonnen. Trotzdem war ich froh, dass ich jetzt wieder nach Hause fahren konnte. Ich stieg erleichtert in die Straßenbahn, die direkt zum Bahnhof fuhr. Die Türen schlossen sich und die Bahn setzte sich in Bewegung.

 

Jedoch, irgendwie wurde es mir plötzlich zu eng in der Bahn. Ich war etwas früher gegangen, so dass ich noch Zeit hatte; daher stieg ich bei der nächsten Station aus, um den Weg zum Bahnhof zu Fuß zurück zu legen. Es war ein warmer Herbsttag, die Sonne schien und es wehte ein lauer Wind. Ich überquerte die Straße und ging auf dem Bürgersteig in Richtung Bahnhof.

 

Anscheinend war ich in Klein-Istambul ausgestiegen: Neben einem Döner-Restaurant sah ich einen Ein-Euro-Shop und andere kleine Läden, wie man sie in einem türkischen Viertel findet. Langsam ging ich an der Hauptverkehrsader entlang in Richtung Bahnhof, überquerte einige kleine Seitenstraßen, die weniger befahren waren und in denen hohe Bäume standen. Es schienen eigentlich ganz ruhige Plätzchen neben dem lauten Verkehrslärm der Hauptstraße zu sein. Auf beiden Seiten sah ich hinter den Bäumen die hohen, mindestens vierstöckigen Häuser, mit oder ohne Balkon vor den Fenstern. Großstadt halt.

 

Inzwischen war ich fast am Bahnhof angekommen, und zum Abschluss von Klein-Istambul sah ich eine italienische Pizzeria. Also war ich denn endlich doch in Europa angekommen. Ich ging in den Bahnhof und bemerkte, dass mein Zug gerade abgefahren war. Anscheinend hatte ich mich zu sehr von der Umgebung und dem schönen Wetter ablenken lassen, anstatt wie ein Roboter geradeaus auf mein Ziel zuzustreben. Persönliches Pech!

 

Dennoch hatte ich keine Lust, auf den Gleisen auf und ab zu marschieren. Ich ging auf den Bahnhofsvorplatz, um zu sehen, wo ich mich vielleicht einen Moment hinsetzen und ein gemütliches Seminar-beendet-Bier trinken könnte.

 

In der Mitte des Platzes saßen die Trinker und die Obdachlosen in einer Gruppe zusammen und unterhielten sich. In einer anderen Stadt hatte ich einmal an einem Freitagabend beobachtet, dass sich ein Herr im Anzug zu so einer Gruppe gesellt und fürchterlich mit ihnen geschimpft hatte, weil sie da so herumsaßen und dem lieben Gott die Zeit stahlen. Damals war ich grinsend vorbeigegangen – es war schließlich keine schlechte Methode, seinen Frust über den Arbeitsstress loszuwerden. Vor allem, da ich annahm, dass die Obdachlosen sich bestimmt auch darüber gefreut haben, mal ihren Frust über die geschniegelten Herren, die über ihr Leben bestimmen, raus zu lassen. Vielleicht ergab sich daraus ja für beide Seiten eine Bewusstseinserweiterung.

 

Auf der anderen Seite des Platzes sah ich ein spanisches Restaurant – warum nicht dort einkehren? Erst Klein-Istambul durchwandert, dann das italienische Restaurant gesehen, warum meinen kleinen Ausflug in das neue Deutschland nicht mit einem Bier beim Spanier beenden?

 

Ich trat in ein gepflegtes Restaurant ein und setzte mich an den Tisch. Neben den Getränken wurden auch Speisen angeboten, darunter spanische Tapas. Die waren nicht so teuer und die Namen klangen lecker, also bestellte ich sie mit dem Bier. Der spanische Wein war mir zu schwer, schließlich musste ich ja noch mit dem Zug nach Hause fahren.

 

Von meinem Sitzplatz aus konnte ich durch das Fenster auf den Bahnhofsvorplatz sehen: Direkt vor dem Fenster unterhielten sich ein Schwarzafrikaner und eine Dame mit asiatischen Gesichtszügen. Und im Hintergrund sah ich wieder die Gruppe mit den Trinkern, die sehr deutsch aussahen. Warum sah man solche Gruppen eigentlich nur mit Deutschen und selten mit Ausländern? Tranken Ausländer nicht? Oder wagten nur Nichttrinker die Flucht und ließen die Trinker im Heimatland? Kümmerten sich die Deutschen mehr um die Flüchtlinge als um die Problemfälle der eigenen Nationalität? Oder stärkte Auslandserfahrung ganz einfach die Widerstandskraft gegen den Alkohol?

 

Oje, da fing ich doch glatt an zu philosophieren. Das war nicht gut. Vor allem, da mein Freund zu Hause auf mich wartete. Außerdem war ich eh schon recht spät dran. Eilig beschloss ich, wenigstens den nächsten Zug zu erreichen und vielleicht noch etwas fürs Abendessen zu kaufen. Ich bezahlte und ging schnell zum Bahnhof.