Theorie meets Praxis

 

Im Rahmen meiner ehrenamtlichen Weiterbildungen nahm ich auch an einem Seminar teil, in dem über den Umgang mit Flüchtlingen aufgeklärt wurde. Wir Teilnehmer hatten alle einen Migrationshintergrund, ich war wohl die Einzige, deren Großeltern noch aus den ehemaligen deutschen Gebieten in Ostpreußen stammten.

 

Eine ungefähr 25jährige Dozentin erklärte uns die Arbeit mit Flüchtlingen in einem Vortrag. Wir alle saßen gebannt auf unseren Stühlen und hörten interessiert zu. Als wir zum Thema: „Umgang mit Flüchtlingen“ kamen, stellte die Dame folgenden Satz in den Raum:

„Flüchtlinge mit dunkler Hautfarbe darf man nicht nach ihrem Herkunftsland fragen, das könnte sie beleidigen!“

 

Unheilsschwanger hing dieser Satz im Raum und keiner sagte etwas. Nach einem Reflexionsmoment meldete ich mich und meinte: „Entschuldigung, aber ich war in Afrika, und bin öfters von den Schwarzafrikanern gefragt worden, wo ich herkomme, aber dies hat mich nun wirklich nicht gestört. Schließlich gibt es dort weniger weißhäutige Menschen, deshalb finde ich es normal, wenn man mich nach meiner Herkunft fragt.“

 

Oha, da hatte ich die Dozentin doch etwas aus dem Konzept gebracht. Sie zögerte einen Moment. Aber da auch Theoretiker ihre Methoden haben, dauerte es nicht lange, bis die Antwort kam. Nach dem Motto: „Und wenn ich nicht mehr weiter weiß, dann bilde ich einen Arbeitskreis“, gab sie die Frage an die anderen Teilnehmer weiter, die ja alle auch einen Migrationshintergrund hatten.

 

Wieder herrschte ein Moment Schweigen. Dann meldete sich eine der Teilnehmerinnen zögernd: „Aber, worüber soll man denn sonst reden?“

Die Nachbarin stimmte zu: „Ja, ich habe dann auch immer gerne von meinem Heimatland erzählt. Und meistens musste ich sowieso fragen, um zu erfahren, in welcher Sprache wir uns unterhalten können.“

Dann kamen unterschiedliche Statements: „Nun, es kommt auch immer darauf an, aus welchem Land man kommt. Damals, als es die Hungersnot in Äthiopien gab, war es nicht so gut zuzugeben, dass man aus Äthiopien kommt. Dann wurde man gleich in eine bestimmte Schublade eingeordnet.“

„Na, heute ist es eigentlich kein Problem, zuzugeben, wenn man aus Syrien kommt. Es weiß doch jeder, was in Syrien gerade passiert.“

 

Inzwischen hatte die Dozentin ihren roten Faden wieder gefunden, und meinte: „Es ging eigentlich darum, dass bei der Wohnungssuche meist schon am Telefon nachgefragt wird, ob man Ausländer ist. Und wenn man das dann zugibt, wird meistens gleich aufgelegt.“

 

Ich meldete mich wieder zu Wort und meinte: „Eigentlich hat man als Vermieter schon ein Recht zu bestimmen, wer in seine Wohnung einzieht. Stellen Sie sich vor, ein geflohener Kurde müsste seine Wohnung an einen Türken vermieten, obwohl sie im Heimatland Feinde sind. Das ist dann echt ein Problem. Und auch für die Deutschen gilt das gleiche: Wie soll sich ein Vermieter, der kein Englisch spricht, mit einem Ausländer verständigen, der noch kein Deutsch kann. Das möchte oder kann nicht jeder auf sich nehmen.“

 

Diesmal hatte ich schlechte Karten, und es brach eine Diskussion darüber aus, wie problematisch es ist, als Ausländer eine angemessene Wohnung zu einem angemessenen Preis zu finden. Allerdings konnte niemand bestreiten, dass es vielleicht weniger frustrierend sei, gleich am Telefon eine Absage zu bekommen, als erst bei der Besichtigung der Wohnung, wenn man eventuell auch noch eine Busfahrt bezahlt hatte.

 

Fazit für mich war, dass es wohl der Theorie und der Praxis bedarf um einen Unterricht zu einem so komplexen Thema zu gestalten.