Verrückt

 

Zurück zu Hause kann Gerda Müller sich nicht mehr konzentrieren. Der Weg in die Klinik würde allerdings bedeuten, dass sie nicht mehr in ihrem Beruf arbeiten kann. Außerdem passt sie nicht mehr in ihr früheres Milieu. Das Buch schildert die Krankheit von Gerda Müller und ihre Umorientierung in ein neues und anderes Leben.

 

 

 

Zurück zu Hause

 

So, da war ich also wieder in der Kleinstadt U. gelandet. Etwas, was ich nie wollte und wovor ich immer den größten Horror hatte. Aber irgendwie war ich auch froh, wieder zu Hause zu sein. Es hatte sich viel verändert. War in dem Bundesland in meiner Jugend immer nur die CDU an der Macht gewesen, und hatte ich meine Kleinstadt bei meinen Besuchen immer unverändert vorgefunden, so hatte die Regierung gewechselt und jetzt wurde gebaut. Nur in der Wohnung meiner Mutter hatte sich nichts verändert. Sie war älter geworden und konnte die ganzen Renovierungsarbeiten, die nötig waren, nicht mehr alleine machen. Also sah ich schon, dass da viel Arbeit auf mich zukommen würde.

Aber der Übergang von der Weltbürgerin zur Kleinstadtpomeranze gestaltete sich schwierig. Nicht in der Realität, sondern in meinem Kopf. Hatte ich mich mein Leben lang auf verschiedene Umfelder einstellen müssen und immer nur reagiert, so auf die Art: „Die Weisheit lief mir hinterher, aber ich war schneller!“, schien die Weisheit nur darauf gewartet zu haben, dass ich mal stehen bleibe, um sich auf mich zu stürzen. Mit anderen Worten, mir ging es sauschlecht!

Ich konnte mich nicht mehr konzentrieren, weil auf einmal alle Gefühle, die ich bisher immer hinten angestellt hatte, auf mich einstürzten und ihren Platz verlangten. Glücklicherweise wurde nicht mehr viel von mir verlangt, da in meinem Kopf alle möglichen Geschichten und Gedanken abliefen.

Das letzte, was ich von der großen Welt hörte, war ein Anruf von André bei meiner Familie, in der er nachfragte, wo ich denn bleibe. Er wäre 600 km gefahren, um mich am Flugplatz abzuholen, und ich wäre nicht angekommen. Ich ließ ausrichten, ich hätte den Flieger verpasst. Da ich auch nicht mehr die Zeit gefunden hatte, eine Reiserücktrittsversicherung abzuschließen, hatte ich somit den Preis für das schöne Flugticket in den Sand gesetzt, was die Situation nicht gerade verbesserte.

Da jedoch meine Mutter kein Telefon hatte und ich kein Geld hatte, um bis nach Afrika anzurufen, und André auch nicht über meine Verwandtschaft anrufen wollte, blieb ich erstmals von Vorwürfen verschont.

Trotzdem kam ich mir vor wie auf einem fremden Planeten. Meine Mutter wohnte immer noch in ihrer Sozialwohnung in einem verrufenen Arbeiterviertel und während ich das alles in meiner Jugend normal fand, musste ich mich jetzt wieder daran gewöhnen. Außerdem ging es daran, mich bei der Agentur für Arbeit einzuschreiben und einen Antrag auf Sozialhilfe zu stellen. Also, Formulare ausfüllen und von einem Amt zum anderen laufen. Beim Sozialamt bot man mir Hilfe an, wenn ich die Wohnung renovieren würde.

Ich nahm auch wieder Kontakt zu meinen alten Schulfreunden auf, von denen einige noch da waren.

Zuerst rief ich Gaby an, wir waren bis zur zehnten Klasse aufs Gymnasium gegangen, sie hatte dann eine Lehre als Floristin gemacht, während ich weiter auf die Schule ging.

„Was, du bist aus Paris zurück? Was für eine Überraschung!“

„Ja, und ich werde voraussichtlich auch hier bleiben.“

„Fein, dann können wir uns ja treffen. Wir haben übrigens auch ein Pariser Café hier. Wäre doch eine gute Gelegenheit, es dir mal zu zeigen. Damit du nicht zu viel Fernweh hast.“

„Wann sollen wir uns treffen?“

„Ich habe heute Abend nach der Arbeit Zeit. Wie wäre es um 18 Uhr. Direkt im Pariser Café.“

„Das muss aber neu sein. Wo ist denn das?“

„Am Markt und sieht sehr französisch aus. Du kannst es also nicht verfehlen.“

 

Abends machte ich mich also auf den Weg in die Stadt. Auf dem Marktplatz hatte sich einiges verändert, den größten Teil der Geschäfte kannte ich nicht aus meiner Jugend. Aber einige waren auch geblieben. Neu war das Pariser Café, das ich an den für Paris typischen runden Tischen erkannte, die auf dem Marktplatz standen. Ich näherte mich dem Café und ließ meinen Blick über die Gäste schweifen. An einem der Tische saß eine junge Frau alleine und ich erkannte ohne Probleme Gaby, die sich seit der Schulzeit kaum verändert hatte. Sie hatte immer noch ihre schulterlangen, lockigen blonden Haare. Ich ging auf sie zu:

„Hallo Gaby, schön dich zu sehen.“

Gaby stand auf und umarmte mich: „Hallo Gerda, du  hast dich ja kaum verändert. Na ja, deine Haare sind nicht mehr so wild.“

Früher hatte ich mein Haar auch immer offen und schulterlang getragen, aber in Paris hatte ich mir eine Kurzhaarfrisur schneiden lassen, die ich dann nach meiner Rückkehr nach Deutschland beibehalten hatte.

„Und, was machst du noch so?“

„Ich arbeite immer noch in meinem Blumenladen, aber ich werde mich in nächster Zeit selbständig machen. Allerdings werde ich dann nicht mehr in U. arbeiten, ich habe ein Geschäft in einem Nachbarort in Aussicht. Ja, und ansonsten sind die Kinder jetzt in der Schule und ich habe mich von meinem Mann getrennt. Und du?“

„Ich habe gerade mein Studium zu Ende gebracht, bin jetzt also eine Psychologin und werde mich wohl auch von meinem Franzosen trennen. Auf jeden Fall habe ich den Flieger nach Afrika verpasst.“

„Welchen Flieger nach Afrika. Was willst du denn da.“

„André arbeitet jetzt in Afrika als Entwicklungshelfer und wollte dass ich auch komme. Leider habe ich das Flugzeug verpasst und somit das Ticket in den Sand gesetzt.“

„Au Backe!“

„Ganz so schlimm ist es nicht, er ist ja weit weg. Aber ich glaube, ich muss mich jetzt endgültig umorientieren.“

„Habt ihr keine Kinder?“

„Nein, wir haben beide zu lange studiert. Ist vielleicht auch ganz gut so, weil ich mich nicht als Mutter in Afrika sehe. Und was ist mit deinem Mann?“

„Du weißt doch, die Trinkerei. Das ist in den letzten Jahren schlimmer geworden. Ich bin dann erst zur Beratung gegangen und irgendwann habe ich dann entschieden, dass ich das nicht mehr ertrage. Also haben wir uns scheiden lassen.“

„Und die Kinder?“

„Wir verstehen uns ja noch ganz gut, deshalb kann er die Kinder jederzeit sehen. Und für die Kinder ist das auch eine Entlastung, wenn sie ihn nicht betrunken sehen.“

„Ich glaube, das hätten wir uns beide nicht vorgestellt, als wir von der Schule gegangen sind.“

„Nee, wirklich nicht! Obwohl, du wolltest ja immer in die große weite Welt.“

„Ja, aber ich bin dabei, meine Meinung zu ändern. Wo ist denn dein neuer Blumenladen?“

„In N. Die Besitzerin geht in Rente und hat ihn mir zur Übernahme angeboten. In zwei Monaten ist es so weit. Ich hoffe, du kommst zu meiner Eröffnungsfeier. Ich freue mich schon riesig darauf.“

Wie schwiegen eine Weile und ich sah mich auf dem Marktplatz um. Der war in eine Fußgängerzone umgewandelt worden, in der Mitte plätscherte der Stadtbrunnen, Passanten schlenderten über den großen Platz. Über allem wölbte sich ein blauer Abendhimmel mit weißen Wattewölkchen, am Horizont, sofern er nicht von den Häusern verdeckt wurde, konnte man den Wald sehen.

Plötzlich meinte ich: „Du, ich glaube, ich leide an einer kognitiven Dissonanz!“

„Da bin ich aber froh, dass ich nicht studiert habe!“

„Wieso?“

„Da kann mir das nicht passieren.“

„Doch, dir kann das auch passieren, du weißt dann bloß nicht, wie das heißt.“

„Na, dann erkläre mir mal, was das ist.“

„Das ist, wenn man eine bestimmte Überzeugung hat, und die Realität einem klar macht, dass damit etwas nicht stimmen kann.“

„Ach so, und was stimmt bei dir nicht?“

„Na ja, ich war immer der Meinung, das Paris das Non plus Ultra ist, aber jetzt sitzen wir hier in einem Café wie in Paris, und es ist viel schöner hier. Keine Autos, kein Lärm.“

„Keine Arbeit!“

„Ja, die muss ich noch suchen. Aber das war nicht der Grund, warum ich nach Paris gegangen bin.“

„Was suchst du denn?“

„Keine Ahnung, entweder als Psychologin, aber das wird ohne Zusatzausbildung schwierig, oder wieder im Handel. Hab ja meine Sprachkenntnisse. Aber momentan muss ich erst mal richtig ankommen.“

„Willst du ein paar Leute kennen lernen? Ich kenne noch ein paar Jungs, die noch solo sind?“

„Warum nicht, obwohl, ich muss wohl erst einmal mit mir selbst ins Reine kommen.“

„Demnächst ist Kirmes hier, dann treffen wir uns wieder. Hast du Lust, mitzukommen?“

„Ja, gerne, sag mir Bescheid.“

„Habt ihr inzwischen Telefon?“

„Nein, aber das kommt in den nächsten Tagen. Ich ruf dich dann an und gebe dir meine Nummer.“

Danach tauschten wir uns noch über alte Bekannte aus und so gegen 21 Uhr machten wir uns auf den Weg nach Hause.

Darüber wurde es Frühling. Ich machte einige Schulungen im Rahmen meiner ehrenamtlichen Beschäftigungen mit und während einer Sitzung des Partnerschaftsvereins eckte ich mit einer regionalen Größe aus dem schwarzen Lager an, da er anfing, über faule Hartz-IV-Empfänger zu schimpfen. Ich outete mich ebenfalls als Hartz-IV-Empfängerin und erklärte, dass ich im Rahmen der Maßnahmen, die ich gemacht hatte und auch im persönlichen Umkreis genügend Hartz-IV-Empfänger kennen gelernt hatte, die nicht faul waren und vieles dafür taten, wieder Arbeit zu finden. Daraufhin wurde ich als SPD-Anhängerin eingestuft, ob-wohl ich eigentlich nicht politisch engagiert war.

 

Als ich Klaus davon erzählte, meinte er:

„War vielleicht keine so gute Idee, dich zu outen. Kann sein, dass du jetzt Ärger kriegst.“

„Meinst du? Ich wäre auch lieber gesund. Die können mich doch nicht einfach ausgrenzen, weil ich arbeitslos bin.“

„Du wirst ja sehen. Am Samstag ist eine Sendung über Hartz-IV-Empfänger im Fernsehen. Anne Will moderiert sie. Wenn du willst, können wir sie uns zusammen ansehen.“

 

Am Samstag saßen wir dann gemeinsam vor dem Fernseher. Die Moderatorin stellte verschiedene Personen vor, darunter eine blonde Dame, die ein Praktikum bei der Agentur für Arbeit gemacht hatte und jetzt an die Öffentlichkeit ging, um über Hartz IV-Empfänger zu informieren. Es wurden mehrere Interviews mit Arbeitslosen gezeigt. Wie ich es in der Schule zum Thema Erörterung gelernt hatte, kam erst das gute Beispiel:

Eine junge Mutter von zwei Kindern musste abends zusätzlich arbeiten, weil das Einkommen aus der normalen Arbeit für die Familienbedürfnisse nicht reiche, und sie auf keinen Fall Geld vom Staat bekommen wolle.

„Was hältst du davon?“, fragte ich Klaus, „ich finde, sie sollte das Geld vom Amt nehmen, da sie auch Zeit für die Kinder braucht. Wenn sie so weiter macht, kriegt sie auch ein Burnout, und damit ist ihren Kindern noch weniger geholfen.“

„Das ist doch eine Fernsehsendung. Die sind nie vernünftig!“

Danach kam, wie in der Erörterung, das Negativ-Beispiel: Ein junger Mann, ungelernt, war arbeitslos und schien sich augenscheinlich auch nicht um eine Stelle zu bemühen. Befragt dazu, meinte er, dass er nie richtig den Einstieg gefunden hätte, da die Chefs mehr auf ihn eingehen sollten. Das kam bei der blonden Dame nicht sonderlich gut an.

„Ich finde, auch wenn es nicht in eine Erörterung passt, dass der junge Mann doch Recht hat. Habe ich dir nicht von meinem Tag im Weinberg erzählt: Da habe ich ja auch am frühen Nachmittag aufgehört, weil die mich ohne Wechsel an den schlechtesten Platz gestellt hatten. Ich habe später noch einmal bei Bekannten im Weinberg ausgeholfen, und da man da Rücksicht auf mich genommen hat, hat das auch den ganzen Tag geklappt.“

„Wie kommst du denn jetzt auf Erörterung?“

„Na, die Reportage ist so aufgebaut wie das, was ich meinen Schülern beibringe. Du hast schon Recht, das Fernsehen unvernünftig ist, wenn sogar die Wahrheit diesen Regeln untergeordnet wird. Ich glaube, der junge Mann hat sich schon etwas dabei erhofft, als er das Interview gab, und so, wie er abqualifiziert wird, wird er wohl nie wieder mit einem Reporter sprechen. Hoffentlich kriegt er keinen Ärger in seinem Milieu.“

„Dir scheint die Blonde ja nicht zu gefallen.“

„Nein, die sieht so aus, als ob sie zwei Söhne mitfinanzieren müsste, die ein Studium machen und die jetzt auch noch ein Auto wollen. Und um an das Geld zu kommen, macht sie jetzt Volkshetze. Die sollte sich vielleicht mal in ihrer eigenen Familie durchsetzen.“

Oi, du bist aber böse.“

„Na ja, wenn man sieht, wofür die hier in Deutschland das große Geld bekommen. Die Reportage hätte sogar ich besser hingekriegt. Aber ich bin ja nicht blond und hab auch kein Vitamin B. Hoffentlich krieg ich wenigstens keinen Ärger von der Lokalgröße, weil ich mal meine Meinung gesagt habe.“